Friedrich 1938

Friedrich Guttstadt

(vom Pogrom zum Stolperstein )


Das Glück, im eigenen Haus zu wohnen, bestand nicht lange. Schon bald bekam die Familie Demütigungen von allen Seiten zu spüren. Ich weiß, dass der Pfarrer sich dem Druck der Mitkonfirmanden beugte, meinen Vater nicht mit Ihnen zusammen zu konfirmieren, so dass dies bei seinem Onkel mütterlicherseits, der Pfarrer war, in Ilsenburg/Harz erfolgte. Auch sonst hatte mein Vater, der im Gegensatz zu seinem Bruder schwarzhaarig war, sehr unter dem staatlich verordneten Rassismus zu leiden.


Der ältere Sohn, mein Onkel Albert, war beim Reichsarbeitsdienst im Saarland gezwungen, den Krieg vorzubereiten, der jüngere, mein Vater Gerhard, muss im November zuhause gewesen sein und die Schule besucht haben. Aus einer Kopie eines Briefes meiner Großmutter vom Sept. 47, den wir 2011 von einem amerikanischen Soldaten, Herrn David Stapp, erhalten haben, der, wie sich herausstellte, über meine Großtante Anna Friedberg mit uns verwandt ist, gehen die damaligen Ereignisse andeutungsweise hervor:

Margarethes Brief 1947 ... Wir lebten alle zusammen sehr glücklich bis Adolf Hitler kam, der das große Unglück und Grausamkeit über die Welt gebracht hat. Anna hatte eine nette Wohnung nahe bei uns. Eines Tages wurde sie herausgetrieben von der Gestapo. Mein älterer Junge musste zum "Arbeitsdienst" gehen. Eines Tages erhielten wir ein "telegram" (die Nachricht), dass er unglücklich in scharfes Eisen gefallen war und war im Krankenhaus in Lebensgefahr. Das war im Oktober 1938 als sie die "Siegfriedlinie" bauten. So bald, wie ich konnte, ging ich zu ihm nahe Saarbrücken, das ist ein langer Weg. Ich reiste die ganze Nacht. Als ich am frühen Morgen ankam, fürchteten sie, mein Sohn würde sterben. Er wurde noch einmal operiert und nach 3 schlechten Wochen, als ich mich um ihn und andere kranke Männer kümmerte, ging es ihm besser und ich sprach telefonisch mit meinem Mann, dass ich meinen Jungen in ein Berliner Krankenhaus bringen würde. Er konnte nicht gehen, wurde aber gefahren und in Berlin wollte mein Mann auf uns warten mit Helfern vom Krankenhaus. An dem Morgen, als ich nach Berlin kam mit meinem kranken Jungen, war mein Mann nicht auf dem Bahnhof. In derselben Nacht hatte ihn die Gestapo in das Konzentrationslager gebracht und ich wusste nicht, wo er war ...
Ich ging, um meinen Mann zu suchen, in das Konzentrationslager nahe Berlin. Sie wollten mich nicht hinein lassen. Aber ich erreichte es durch eine Lüge hineinzukommen: Ich sagte, ich komme von der englischen Presse und muss den Kommandeur sprechen. Ich habe einen Brief für ihn. (Den Brief hatte ich selbst geschrieben.) Sie gaben mir zwei SS-Männer mit Gewehren über den Schultern und sie brachten mich zum Adjutanten des Kommandeurs. Ich fragte ihn nach meinem Mann, der von der Gestapo weggebracht worden war.. Als er hörte, dass ich nicht von der "englischen Presse" kam, (Ich hatte diese Lüge gewählt, weil ich durch Zufall gehört hatte, dass er die Englische Presse an dem Tag besuchte.), wollte er mich erschießen, aber ich erzählte ihm, er könnte mir meinen Mann geben und ich würde ihm meine Juwelen geben .... Schließlich kam mein Mann. Drei Wochen war er im Lager, aber er war gebrochen und starb kurze Zeit später. Niemals kann ich seine trostlosen Augen vergessen. Er war ganz gesund und in bester Gesundheit, als ich ihn zuletzt sah, als er mich zum Zug nach Saarbrücken brachte, er war ein gebrochener und kranker Mann, als er aus dem K.Lager kam. 7 Monate lag mein Sohn im Krankenhaus, aber ich freue mich - er war gerettet. ...

Margarethe an Friedrich im KZ
Mein Vater hat mir nie erzählt, was er erlebt und gefühlt hatte, als sein Vater abgeholt wurde. Ich weiß noch nicht einmal, wie viel er mit ansehen musste. Allerdings musste auch er in den Arbeitsdienst, hat Schäden davongetragen und bis zu seinem Lebensende körperlich und sicher auch seelisch gelitten.
In dem Buch "Zwischen Kreuz und Hakenkreuz" seines Freundes Jürgen Böckh, dem er insbesondere 1942 ins "Res.-Lazarett XXIb" geschrieben hatte, kommt folgender Text vor ("Die Mutter" ist meine Großmutter Margarethe):
Die Mutter ... begrüßte darauf meinen Bruder und mich als die Söhne eines Kollegen ihres Mannes. Dieser Kollege meines Vaters am Reichswirtschaftsgericht, Friedrich Guttstadt, war evangelischer Christ, aber er galt aufgrund der Nürnberger Gesetze als Jude. Den Ersten Weltkrieg hatte er als Hauptmann der Reserve mitgemacht und das Eiserne Kreuz 1. Klasse erhalten. Als er damit rechnen musste, abgeholt zu werden, zerbrach er seinen Offiziersdegen und warf ihn in den Mülleimer. Die Gestapo verhaftete ihn nach der Pogromnacht 1938 und er kam in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Seine Frau schickte ihm an jedem Tag per Einschreiben einen Brief, in dem sie alle seine Titel und Orden aufführte. Aus der "Schutzhaft" entlassen, kam Friedrich Guttstadt völlig gebrochen zuhause an und starb drei Wochen später."
Mir ist nur noch die gezeigte Postkarte erhalten, deren Bildseite ein Foto von Albert zeigt.
Entlassungsschein Friedrich Weihnacht 1938



Wie seine früheren Wohnungen ist auch sein selbst gebautes Haus eingerissen und abgebrochen worden, abschließendes Symbol für den Weg hin zur Demütigung, Entrechtung und Zerstörung seines Lebens und das seiner Nachfahren. Onkel Albert und mein Vater sind beide sehr früh ohne Vorwarnung mit 56 und mit 65 Jahren an Herzversagen gestorben.









Die Verlegung des Stolpersteins erfolgte am Freitag, dem 26.April 2013, um 17 Uhr auf dem Gehweg vor dem Grundstück Reifträgerweg 19.


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